Gestern haben wir euch erzählt, wie Haflinger Astron mit unserer „Dirty Dancing“-Methode seine angebliche Unberechenbarkeit ablegte und zum besten Kumpel von Herrn Nielsson wurde. Doch kurz nach dieser idyllischen Zusammenführung im November 2022 holte uns die Realität ein. Astron konnte plötzlich nichts mehr fressen. Er drehte Heuwickel, kaute seltsam und speichelte extrem viel.
Der Tierarzt stellte fest: Ein lockerer Zahn verursachte höllische Schmerzen. Der Zahn wurde gezogen – doch was danach folgte, war ein monatelanger, dramatischer Kampf um das Leben des damals 26-jährigen Wallachs.

Der Eiter-Marathon und der Schock am Morgen
Etwa eine Woche nach dem Ziehen öffnete sich an Astrons Kinn ein riesiger Abszess nach außen. Es war furchtbar: Wochenlang lief dicker, fies stinkender Eiter ohne Ende heraus. Da die Wunde offen war und das Sekret gut abfloss, verzichtete die Tierärztin auf Antibiotika. Meine tägliche Aufgabe: Die Wunde spülen und offen halten.
Astron war dabei ein absoluter Engel. Weil die Wunde genau dort lag, wo der Kinnriemen sitzt, konnte ich ihm kein Halfter anlegen. Also legte der sanfte Riese seinen schweren Kopf einfach vertrauensvoll in meine linke Hand, stützte sein Maul ab und ließ mich mit der rechten Hand die Wunde spülen.

Wir dachten, wir wären im Frühjahr endlich auf dem Weg der Besserung, als der absolute Horrormorgen anbrach. Astron hatte sich am Kinn gescheuert, weil die heilende Wunde juckte. Als ich in den Stall kam, traf mich fast der Schlag: Das Blut schoss aus seinem Kinn, als hätte man einen Wasserhahn aufgedreht! Innerhalb von Minuten waren meine Klamotten, die Gummistiefel und der Stallboden blutüberströmt.
Bis die Tierärztin eintraf, dauerte es. In meiner Verzweiflung gab ich ihm ein homöopathisches Mittel zur Blutstillung – und Gott sei Dank, stoppte der Fluss kurz vor dem Eintreffen der Ärztin. Es blutete nicht mehr nach, aber der Eiter-Marathon ging von vorne los.
Einweichen im Akkord: Fütterung von 5:00 bis 24:00 Uhr
Diese Zahngeschichte zog sich weit über ein halbes Jahr bis in den Sommer hinein. Da Astron kein Heu fressen konnte und selbst im Mai auf der Weide noch Graswickel drehte, mussten wir Heucobs zufüttern. Und das bedeutete für unseren kleinen Verein extreme, harte Arbeit.

Heucobs einweichen, füttern – die nächste Portion einweichen, füttern. Und das in einer Dauerschleife von morgens um 5:00 Uhr bis nachts um 24:00 Uhr, damit der alte Herr auch sicher über die Nacht kam! Die Futterkosten und die gigantischen Tierarztrechnungen waren ein heftiger Brocken, der unsere Vereinskasse komplett leergeräumt hat. Zum Glück hatten wir treue Unterstützer, sonst hätten wir das nie stemmen können.
Zu allem Überfluss öffnete der Himmel von Januar bis April seine Schleusen. Es regnete wochenlang ohne Pause. In meinen damals fast 12 Jahren Pferdehaltung habe ich so etwas noch nicht erlebt: Der Boden löste sich komplett auf, der Paddock wurde zu einer tiefen Schlammhölle, in der die Pferde versunken wären. Wir mussten improvisieren, um die Beine der Pferde trocken zu halten.

Das gesprächigste Pferd der Welt und der Blick durchs Fenster
Doch all die Mühe, die schlaflosen Nächte und die Sorgen wurden mit einer Liebe belohnt, die ich in dieser Form noch nie von einem Pferd erfahren habe. Astron war nach der überstandenen Zahngeschichte wie fixiert auf mich. Er hat begriffen, dass ich ihm den Schmerz genommen habe.
Seitdem klebt er förmlich an mir wie ein kleines Kind am Rockzipfel seiner Mutter. Er ist das gesprächigste Pferd, das ich kenne: Er wiehrt laut, sobald er meine Schritte hört oder das Hoftor aufgeht. Wenn ich mit ihm spreche, antwortet er mir mit einem sanften Brummeln.

Er ist so intelligent, dass er Geräusche logisch verknüpft: Wenn die Hunde bellen oder die Schafe laut rufen, weiß er genau: „Aha, die Chefin muss irgendwo sein!“ Dann läuft er sofort los und sucht mich auf dem Hof. Und das Verrückteste: Er erkennt mich durch die Fenerscheiben des Wohnhauses! Sobald er mich drinnen sieht, hört er sofort auf zu grasen, kommt dicht ans Haus heran, schaut mich an und wiehrt.
Am Ende musste ich mich im Haus schon regelrecht verstecken, damit der süße Kerl nicht ständig in den Stall lief, um nach mir zu sehen!

Astron ist heute 30 Jahre alt. Er ist der lebende Beweis dafür, dass sich jede Minute Schlamm, jede Tierarztrechnung und jede Portion Heucobs um Mitternacht lohnen. Er ist ein ganz besonderer Bursche mit einer riesigen Seele.
Morgen in Teil 3 erzählen wir euch wie es ohne Strick und Halfter weiter ging und was eine Hafi-Kuschel-WG ist. Seid morgen wieder mit dabei!












