Gestern haben wir euch erzählt, wie unser 23-jähriger Irish Sport Horse Wallach Limerick dank einer feinfühligen Methode seine jahzehntealten Zwänge fast vollständig ablegen konnte. Doch der Weg dorthin war kein Spaziergang. Es gab eine Phase im ersten Jahr, die nicht nur emotional extrem belastend, sondern für mich im Alltag schlichtweg lebensgefährlich war.
Wenn ein Pferd jahrelang im Spitzensport unter chronischem Stress stand, verschwinden die Dämonen nicht über Nacht. Das Trauma sitzt tief in den Muskeln und Synapsen.

Der starre Blick und die plötzliche Explosion
In der ersten Zeit stand Limerick oft stundenlang einfach nur da und starrte mit leerem Blick in die Ferne. Und dann, von einer Sekunde auf die andere, schoss das Adrenalin ungefiltert in seinen Körper. Er galoppierte völlig panisch los, rannte auf den Paddock und traute sich tagelang vor Angst nicht mehr auf die Weide. Oder er lief stundenlang wie gefangen hin und her.
Dann kam eine Phase wo er Sicherheit bei mir suchte wenn ich auf der Weide arbeitete. Er begleitete mich auf einmal beim Abäppeln. Limerick ging Schritt für Schritt mit mir mit, blieb neben der Schubkarre stehen wenn ich die Pferdeäpfel einlud und ging mit mir weiter. Wartete wieder. Wir waren dabei wie ein Team.
Doch das Trauma lauerte im Hinterhalt. Mitten in dieser scheinbaren Idylle konnte er ganz plötzlich, ohne jede Vorwarnung, komplett ausrasten.
Er stieg kerzengerade auf, schrie laut, sprang direkt neben mir hoch, drehte sich in der Luft um 180 Grad und galoppierte im Horrortempo davon, bis auf den Paddock. Das waren Millisekunden, in denen ein falscher Schritt von mir fatale Folgen gehabt hätte. Meine höchste Priorität war: Niemals direkt vor ihm stehen und nicht den Weg Richtung Paddock blockieren. In dieser monatelangen Phase erhöhter Alarmbereitschaft durfte und konnte niemand außer mir auf die Weide – das Risiko wäre viel zu hoch gewesen. An einigen Tagen war er so schräg drauf, dass ich das Abäppeln abbrach und später weiter machte. Meine Gesundheit war mir wichtiger wie der Zeitplan.
Wenn der Stress in Autoaggression umschlägt
Manchmal kam ich morgens in den Stall und fand Limerick in einer Verfassung vor, die mir das Herz zerriss. Er war völlig unnahbar, schlug wie wild mit dem Schweif, warf den Kopf herum und biss sich voller Verzweiflung selbst in den eigenen Körper.
Die ersten Male hatte ich furchtbare Angst und dachte sofort an eine Kolik. Doch es war kein körperlicher Schmerz – es war eine psychische Reizüberflutung. Sein Gehirn war in einer permanenten Überlebensschleife gefangen, aus der er sich nur durch diese Autoaggression (ähnlich wie das Ritzen bei traumatisierten Menschen) zu befreien wusste.
In diesen Momenten musste ich mich extrem vorsichtig herantasten, um mich selbst nicht zu gefährden. Wenn es klappte, gab ich ihm sofort Bachblüten-Notfalltropfen. Und es grenzte jedes Mal an ein Wunder: Innerhalb weniger Minuten fuhr sein Nervensystem spürbar herunter, der Spuk war vorbei und er fand langsam wieder zu sich.

Das unzertrennliche Band
Durch diese dunkle, gefährliche Phase mussten wir gemeinsam durch. Ein traumatisiertes Pferd testet (unbewusst) Grenzen und sucht nach einem Fels in der Brandung. Weil ich vor seinen Ausbrüchen nicht weggelaufen bin, ihn nicht bestraft, sondern seine Angst verstanden habe, konnte das Eis brechen. Nach gut einem Jahr wusste er: „Dieser Mensch hält mich aus. Hier bin ich sicher.“
Heute ist diese gefährliche Unberechenbarkeit Geschichte. Das Band zwischen uns ist unzertrennlich.
Morgen im dritten und letzten Teil der Akte Limerick erzählen wir euch, warum er anfangs panische Angst vor dem Stall hatte, warum wir hier ständig Tore reparieren müssen und von dem Moment, als mir mitten in der Nacht vor Rührung die Tränen kamen. Seid gespannt!


































































































































































